Meine Zeit auf der Gynäkologie war letzte Woche vorbei. Die nächsten 15 Tage soll sich bei mir alles um Notfallmedizin drehen. Also kam ich am Montagmorgen motiviert im Sekretariat der Rettungsstelle an und wurde gleich nett empfangen.
Der Rettungsstelle
angegliedert ist die IMC (=Intermediate Care Unit - Station zwischen Intensiv-
und Normalstation). Deshalb beginnt mein Tag immer zunächst mit der Visite auf
der IMC. Als die unter lauter fremden Menschen überstanden war, konnte ich mich
auch erst einmal bei allerhand Leuten vorstellen.
Danach sollte es gleich
losgehen. Der PJler und ich gingen rüber in die Rettungsstelle. Die ersten
Patienten waren auch schon da. Zunächst durfte ich noch zuschauen, aber nach
der Frühbesprechung musste ich dann gleich selbst ran. Mein Patient kam mit Schmerzen
im Sprunggelenk. Auf dem Protokoll des Rettungsdienstes stand „Verdacht auf
Thrombose“. Ein dankbares Thema zu Anfang. Also schnell noch einmal den
Wells-Score (= Score zur Abschätzung der Wahrscheinlichkeit einer Thrombose) im
Internet gecheckt. Dachte ich. Na ja, die Tücken der Technik wollten das nicht
ganz zulassen. Da ich als Famulantin leider keinen eigenen Zugang zum Internet
und dem Arbeitsprogramm der Klinik bekam, hatte ich ein kleines Problem - bis
ich herausfand mit welcher speziellen Homepage-Adresse Wikipedia auch ohne
Passwort zu erreichen ist. Huh, erste Hürde war genommen und ich konnte den
Patienten weiter befragen und untersuchen.
Danach gleich das nächste
Problem. Wie komme ich an die Labordaten heran, wie konnte ich ein Röntgen
anmelden und was muss ich dabei alles ausfüllen und ankreuzen???? Dank
kompetenter Hilfe des PJlers lernte ich auch das. Nach einer gefühlt
unendlichen Zeit, hatte ich anhand von klinischen Zeichen und Laborbefunden
endlich die Thrombose ausgeschlossen.
Mit Hilfe vom Chirurgen konnten wir dann auch die Ursache der Schmerzen
finden und der Patient konnte mit Schmerztabletten und dem Rat einen Orthopäden
aufzusuchen nach Hause entlassen werden. Ach nee, da war doch noch etwas! Es
muss ja auch noch ein Entlassungsbrief geschrieben werden! Daran durfte ich
mich auch gleich mal probieren.
Nach 3 Stunden für einen
Patienten hatte ich es geschafft! Er konnte gehen, mein Kopf war zum Überlaufen
voll und mein Magen hing in den Kniekehlen. Es war Zeit für die Mittagspause!
Also tastete ich vorsichtig bei meinem Kollegen vor, ob man so etwas überhaupt
in einer überlaufenden Rettungsstelle machen würde. Ich hatte Glück gehabt und
musste nicht verhungern.
Der Tag sollte dann mit
einem Wiederbelebungstraining nach 9,5 Stunden ein Ende finden. Das Training
frischte noch einmal die schon an der Uni gewonnen Grundlagen auf und zeigte
mir wie viel noch fehlt bis zum Notfallmediziner. Mit brummendem Kopf ging ich
nach Hause.
Am nächsten Tag sollte
sich aber das im Training Aufgefrischte gleich anwenden können.
Eine Patientin mit einer
schweren Lungenerkrankung wurde auf die IMC verlegt. Sie hatte eine schlechte
Atmung, was damit endete, dass ihr Herz nicht mehr pumpte und sie reanimiert
werden musste. Die Ärzte, die mit Herzdruckmassage den Kreislauf in Gang halten
wollten, bemerkten, dass es sich immer schwerer drücken lies. Dies ließ
letztendlich einen der Ärzte vermuten, dass die Patientin eine Pneumothorax
(=Luft zwischen Lunge und Brustwand, wo sie nicht hingehört) hatte. Ohne einen
Beweis dafür zu haben, aber in der Not handeln zu müssen, machte er eine
Nadeldekompression, d.h. er stach mit einer Kanülen oberhalb der 3. Rippe in
die Brust. Es zischte. Er hatte Recht. Das Zischen kam von der entweichenden
Luft aus der Brust. Die Gefahr bei dieser Methode besteht darin, erst einen Pneumothorax
zu erzeugen, wäre die Vermutung des Arztes falsch gewesen. Damit würde man die
Chance auf das Überleben noch weiter verringern.
Na ja, irgendwann nach 20
min Reanimation als schon alle erschöpft waren, kam mein Einsatz. Ich durfte
auch mal. Es ist etwas komplett anderes einen Menschen, der in einem Bett liegt,
wieder zu beleben als eine Puppe, die auf dem Boden liegt. Die Position aus der
man drücken muss, ist eine ganz andere - sehr viel schlechtere. So dass ich zwischendurch
Angst hatte gar nicht richtig zu drücken, aber ein Blick auf dem Monitor, der
die Sauerstoffsättigung des Blutes anzeigte, beruhigte mich. Sie war nicht so
schlecht wie ich dachte und auch das umstehende Personal beanstandete nichts.
Vielleicht weil sie wussten, dass es die Patientin nicht schaffen würde oder
auch nicht. Das Herz fing trotz zahlreicher Medis nicht wieder anzuschlagen und
die Lunge war aufgrund der Krankheit zu stark geschädigt.
Nach ein paar ruhigen
Minuten musste jeder wieder seiner eigentlichen Arbeit nachgehen. Für mich ging
es wieder in die Rettungsstelle, wo schon viele neue Patienten warteten.
Die anderen Tage waren
eher unspektakulär. Natürlich immer an den Tagen, an denen ich im NEF
(=Notarzteinsatzfahrzeug) mitgefahren wäre, kam kein einziger Einsatz für den
Notarzt rein. :( Zudem kommen immer mehr Patienten in die Rettungsstelle, die
da gar nicht hingehören, sondern einfach nur langes Warten beim Arzt vermeiden
wollen.
Vielleicht wird es
nächste Woche besser. Hoffentlich!
Eure Dr. des.
Knochenflicker
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