In meiner letzten Woche in der Rettungsstelle, die nun auch schon wieder
etwas länger her ist, war es endlich soweit. Ich durfte im
Notarzteinsatzfahrzeug (NEF) mitfahren. Drei Tage lang konnte ich so von
Herzinfarkt, Verkehrsunfall bis hin zu Luftnot unklarer Ursache alles von
Anfang an miterleben.
Nachdem ich den ersten Anruf bekam, dass ein Einsatz herein gekommen sei,
rannte ich los, holte mir die entsprechende Jacke und rannte zur Garage des
NEF. Und da stand ich… mutterseelenallein. Es war niemand da. Noch nicht einmal
das Garagentor war hochgefahren. Ich kam mich ein wenig verarscht vor.
Aber ein paar Minuten später war dann auch die Rettungsassistentin/Fahrerin da. Wir machten uns bekannt und ich machte es mir auf dem Rücksitz bequem. Wir fuhren schon einmal heraus zum Eingang, wo wir auf den zuständigen Notarzt warteten. Der kam ganz lässig im Wiegeschritt mit seiner Jacke über der Schulter angelaufen. Na ja, angelaufen ist nicht ganz das richtige Wort. Angeschlendert trifft es besser.
Im Wagen wurde ich dann auch aufgeklärt warum. Es ging in eine wenige
Minuten entfernte Landarztpraxis zu einem Herzinfarkt, der aber schon von der
Ärztin entsprechend vorversorgt wurde. Dennoch konnte ich erfahren, wie das
Fahren mit Sonderrechten in einer engen Innenstadt so ist… nichts für schwache
Mägen!
In der Praxis angekommen war alles total gechillt. Die Patientin wurde in
den Rettungswagen (RTW) gebracht und von den Rettungssanitäter und -assistenten mit allem Wichtigen, wie
Zugang, Sauerstoff usw. versorgt. Derweil meinte der lässige Notarzt zu mit:
„Kommen Sie Fr. Dr. des. Knochenflicker, wir genießen ein wenig das Wetter und
stellen uns in die Sonne.“ Ich konnte es fast nicht glauben! Irgendwie hatte
ich mir das Ganze immer anders vorgestellt.
Als die Patientin endlich versorgt war, ging es ab ins Krankenhaus, wo der
Herzinfarkt dann nochmals bestätigt wurde. Als sie dann noch in den
Herzkatheter geschoben wurde, kam Böses ans Tageslicht. Die drei großen
Herzkranzgefäße waren bis auf einen sehr kleinen Anteil komplett zu. Es war ein
Wunder, dass die Patientin zuvor noch keine Probleme hatte. Ein fraglicher
Bypass oder besser gesagt mehrere Bypässe standen im Raum… Was mit ihr geschah
bekam ich leider nicht mehr mit. So ist das in der Notaufnahme, man bekommt
fast nie mit, wie es mit den Patienten weitergeht.
Aber dafür durfte ich an diesem Tag gleich noch einmal zu zwei weiteren
Einsätzen fahren. So erfuhr ich auch gleich wie es ist, wenn man als NEF vor
dem RTW ankommt (was nicht die Regel ist) und warum Hausnummernschilder
wirklich wichtig sind. Keine Hausnummern = alle drei Insassen des NEF rennen durch
die Gegend und klingeln an verschiedenen Haustüren und hoffen darauf, dass
jemand öffnet. Nach fünf Minuten hatten wir auch endlich jemanden gefunden, der
uns sagen konnte, dass das betreffende Haus am anderen Ende des Straße steht.
In diesem Einsatz hatte solch ein Vorfall zwar keine Konsequenzen, aber in
Einsätzen, in denen das Leben wahrhaftig bedroht ist, können Hausnummern Leben
retten…
So fuhr ich die nächsten zwei Tage auch noch im NEF mit und sah die
verschiedensten Dinge.
An meinem letzten Famulaturtag, ich war nicht auf dem NEF eingeteilt,
durften wir Studenten in der Notaufnahme mal ganz außergewöhnlich viel
Verantwortung tragen. Der internistische Notaufnahmedienst war aufgrund von
Krankheit ausgefallen. Die Personallage war so schlecht, dass die Internisten keinen
anderen als Ersatz schicken konnten. Das ließ uns Studenten mal an die
„vorderste Front rücken“, wie der Chefarzt es ausdrückte. Auf unsere Bedenken
hin meinte er, die Oberärzte wären ja im Hintergrund. Ich machte mich auf das
Schlimmste gefasst, da es ein Montag war. Montage sind in Notaufnahmen die
absolut schrecklichsten Tage, da plötzlich jedem einfällt, er müsste uns mal
besuchen kommen. Glücklicherweise war es ein atypischer Montag. Es gab nur drei
Patienten für uns Internisten. Dafür ganz viele Patienten für die anderen
Fachrichtungen. Schwein gehabt!
Mit dem Ende dieses Arbeitstages war auch meine letzte Famulatur vorbei.
Am Nachmittag raffte ich mein Zeugs zusammen und fuhr wieder zu den
Fischköppen gen Norden.
Jetzt, wo das Semester wieder angefangen hat, ich teilweise von
unmotivierten Lehrenden umgeben bin und wieder verstärkt in Vorlesungen
herumsitze, wünsche ich mich doch noch einmal zurück in eine total überfüllte
Notaufnahme, der schon die Behandlungsräume ausgehen. Da lernte man einfach
viel mehr, weil man ins kalte Wasser geschmissen wird.
Ich freue mich schon auf das nächste kalte Wasser.
Liebste Grüße,
Dr. des. Knochenflicker
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