Montag, 20. Februar 2012

Von Heizkissen, Kühlpacks & Hypochondrie

Vor kurzem war es mal wieder so weit: die Klausurzeit war gekommen. Nachdem ich das Semester relativ chillig mit nicht-mehr-als-nötig-lernen überstanden und sogar das „Post-Physikums-Syndrom“ überwunden hatte (Ja, ich hatte endlich nicht mehr den Wunsch Sonntag morgens eingemummelt in meiner Bettdecke Bibi Blocksberg auf ZDF schauen zu müssen), hieß es nun wieder lernen, lernen und lernen. Da ich wusste, dass dieser Zustand nur so 2 Wochen anhalten und die Klausuren nicht allzu schwer werden würden, war das Risiko einen Rückfall in vorklinische Verhaltensweisen, so z.B. kleine Panikattacken, zu bekommen, doch relativ gering.

 Also setzte ich mich an meinen Schreibtisch und fing an. Zunächst noch relativ unmotiviert, jedoch mit voranschreitender Zeit immer motivierter. So überstand ich dann ein Pathologie-Kurs-Testat (indem ich dann aber doch am Verzweifeln war) und Klausuren in klinischer Chemie und Laboratoriumsdiagnostik, klinischer Propädeutik und Untersuchungstechniken (die war echt ein Witz!), sowie dem Querschnittsbereich 1: Epidemiologie, medizinische Biometrie und Bioinformatik (Ihr fragt euch jetzt wahrscheinlich, wofür ein Arzt Bioinformatik braucht? Ich mich auch!).
Aber dann passierte es. Ich wachte nachts mit einem Puckern im linken Mittelfinger auf und zeigte die klassischen Entzündungszeichen: eine mehr oder minder ausgeprägte Functio laesa (Funktionseinschränkung), Rubor (Rötung), Calor (Überwärmung), Dolor (Schmerz) und einen Tumor - nein keine Angst ich hatte da keine, über Nacht neu gebildete Geschwulst im Sinne von Zellvermehrung, sondern nur eine Schwellung. Im Lateinischen ist der Tumor einfach nur eine Schwellung, die sowohl durch eine Wassereinlagerung, sprich Ödeme, als auch durch eine krankhafte Neubildung von Gewebe bedingt sein kann. Die letzte 4 Kardinalsymptome der Entzündung, wie man sie auch nennt, wurden erstmals von Aulus Cornelius Celsus (lebte irgendwann um Christi Geburt) beschrieben. Die Functio laesa wurde erst später hinzugefügt durch Virchow.
Naja, was macht ne kluge Medizinerin daraufhin??? Sie holt sich ein Kühlpack und natürlich etwas zum umwickeln für das Kühlpack (Packt ein tagelang gefrostetes Kühlpack niemals so auf nackte Haut außer ihr wollte Kälteverbrennungen haben - die sind genauso schlimm wie Verbrennungen mit heißen Dingen). Also mit Kühlpack wieder ins Bett, war ja schließlich erst 4 Uhr morgens und ich war noch tierisch müde. Versuchte dann wieder einzuschlafen. Nix da! Mein Hirn wollte nicht schlafen. Dafür machte es sich lieber Gedanken darüber, was da im Finger passiert sein und was da noch passieren könnte. Zum Beispiel könnte sich dort Eiter bilden. Da kam dann typisch für ein Medizinerhirn gleich mal die Frage auf: Was wäre das denn für eine akute eitrige Entzündung - Empyem, Abszess oder Phlegmone??? Nach kurzer Zeit hatte ich mich mit mir selbst auf einen Abszess geeinigt, da es höchstwahrscheinlich eine gewebseinschmelzende Entzündung mit Eiteransammlung in einem durch Gewebszerfall neu entstandenen Hohlraum war (Hah, mein Pathologie-Dozent wäre stolz auf mich!).
Da klingelten bei mir die Alarmglocken, so heißt es doch: „Ubi pus, ibi evacua.“ nach Hippokrates (für alle Nicht-Lateiner: „Wo Eiter ist, dort entleere ihn.“) - Ich musste operiert werden?!? Oh nein, nicht jetzt in der Klausurzeit, wo ich doch noch Klausuren in Pathologie und dem äußerst wichtigen ;) Querschnittsbereich 3: Gesundheitsökonomie, Gesundheitssystem und öffentliche Gesundheitspflege vor mir hatte. Mit einem: „Nein, da ist doch noch gar kein Eiter zu sehen.“, beruhigt ich mich und versuchte abermals zu schlafen. Nix da! Mein Hirn kam jetzt auf die Idee, dass sofern es zu einer hämatogenen Erregeraussaat (Ausbreitung der Erreger über die Blutbahn) kommt, es auch zu einer Sepsis kommen kann! Die erste Reaktion des hochalarmierten, hypochondrischen Teils meines Hirns war: „Wo ist das Fieberthermometer??“.
Denn eine Sepsis entsteht auf dem Boden einer SIRS, das heißt einer generalisierten Entzündungsreaktion. Aber um eine SIRS zu haben, muss man verschiedene Symptome aufweisen. Für die ganz Wissbegierigen unter euch: zwei der folgenden Symptome müssen vorhanden sein: 1) Temperatur über 38°C oder unter 36°C, 2) einen Puls von über 90/min, 3) eine Atemfrequenz von über 20/min oder 4) weiße Blutzellen von über 12.000/mm³ oder unter 4.000/mm³. Gut wie viele weiße Blutzellen sich in meinem Blut gerade tummelten, war für mich etwas schwierig zu bestimmen. Aber ich hatte ja ein Fieberthermometer. Ah, nur 36,6°C - Normaltemperatur - und dazu keinen erhöhten Puls und keine erhöhte Atemfrequenz - höchstwahrscheinlich keine Sepsis. Dann hätte ich jetzt schlafen können, wenn ich hätte können. Naja, so ging das weiter bis ich dann doch noch mal kurz bevor mein Wecker klingelte einschlief. An dem Tag war dann natürlich auch nicht so viel mit mir anzufangen, obwohl ich mich doch eigentlich auf die Pathologieklausur vorbereiten musste, was die Sache auch nicht unbedingt besser machte, wie ihr euch sicherlich vorstellen könnt.
Zwischenzeitlich stieg meine Körpertemperatur dann mal auf 37,2°C und plötzlich waren die Gedanken einer Sepsis wieder in meinem Kopf. Aber ich wollte noch ein wenig abwarten bevor ich zum Arzt rennen und meine kostbare Zeit in einem über und übervollen, mit mega vielen Mikroben gefüllten Warteraum verbringen wollte. Also beruhigte ich mich mit dem Gedanken daran, dass meine Körpertemperatur nur etwas angestiegen ist, weil ich schließlich gerade Mittag gegessen hatte. So schnell wie die Temperatur angestiegen war, ist sie dann auch wieder abgefallen.
Am nächsten Tag sollte ich dann die Klausur in Gesundheitsökonomie schreiben. Das habe ich dann auch und später erst einmal im Internet ein wenig „recherchiert“, was man denn noch so alles gegen Abszesse tun kann - übrigens inzwischen hatte sich nach intensiver Inaugenscheinnahme ein wenig Eiter gebildet. Da stieß ich auf den Rat doch mal Zugsalbe zu benutzen. Ich hatte noch nie davon gehört zuvor, aber einfach mal auf die Internetcommunity von irgendwelchen Foren vertrauend, bin ich zur nächsten Apotheke gefahren und habe Zugsalbe gekauft. Ich kann euch berichten, das Zeug ist echt ekelhaft. Sie sieht wirklich ekelig braun aus und riecht zudem noch so, als hätte jemand gerade die Straße vor eurem Haus neu geteert, aber sie hilft - mir zumindest. Am Tag meiner letzten Klausur, versuchte ich meinen Finger von diesem sehr fettigen Zeug zu säubern - ich hatte beschlossen nach der Klausur zu der Ärztin meines Vertrauens zu gehen - öffnete sich ganz unverhofft der Abszess und entleerte sich in mein Waschbecken mit ein bisschen Nachhelfen von mir. Da meldete sich mein an Morbus Medicus (niedliche Umschreibung für Hypochondrie unter Medizinern)-erkranktes Hirn wieder und meinte, dass das mit dem Nachhelfen bei der Abszessentleerung gerade ja mal so gar nicht medizinisch korrekt war. Schließlich hätte ich dabei die Mikroben auch in meine Blutbahn schwemmen können. Naja, ihr seht, es ist nichts passiert - ich lebe noch =).
Ihr fragt euch jetzt: Was hat denn das Ganze jetzt mit ‘nem Heizkissen zu tun??? Kann ich euch sagen: nebenbei hatte ich mir auch noch nachts den Nacken verlegen. So saß ich dann an meinem Schreibtisch mit meiner linken Hand im Kühlpack und meiner rechten Schulter bedeckt mit einem Heizkissen. Das muss ein sehr lustiges Bild abgegeben haben!

Liebe Grüße & bis bald
Eure Dr. des. Knochenflicker

P.S.: Bald mache ich wieder Krankenhäuser unsicher. Dieses Mal als Famulantin (ärztliche Praktikantin). Nächste Woche werde ich in einem großen Krankenhaus in Nordrhein-Westfalen anfangen.
P.P.S.: Übrigens ich habe mich jetzt auf den langen und steinigen Weg zu einem vernünftigen Doktortitel gemacht. ;)

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