“God is an actor, too.” (S. 59)
"In America" ist der letzte vollendete Roman der hauptsächlich als Essayistin bekannten und erst in der Spätphase ihres Lebens auch als Romanautorin gewürdigten Susan Sontag. Hier gelingt es ihr einen intelligenten Roman zu schaffen, der durch eine detaillierte Recherche seiner historischen Grundlage besticht.
Der Roman basiert auf dem Leben der 1876 in die USA ausgewanderten polnischen Schauspielerin Helena Modrzejewska, ihrer Familie und Freunde, darunter Henryk Sienkiewicz, dem Nobelpreisträger und Autor von „Quo Vadis“. In diesem Sujet verbinden sich gleich mehrere Schnittpunkt mit dem Leben und den Interessen der Autorin. Als Nachfahrin polnischer Einwanderer liebte sie das Theater - und Künstlerinnen (Irene Fornes, Nicole Stephane, Lucinda Childs usw.).
Ms. Sontag eröffnet ihren Roman in Kapitel 0 mit einer Art Traumszene, in der sie sich selbst in die Vergangenheit versetzt und Zeugin einer Feier im winterlichen Warschau wird. Da sie des Polnischen nicht mächtig ist, versucht sie durch das Beobachten der Anwesenden herauszufinden wie die Feiernden zu einander stehen. Eine Frau sticht dabei aus der Gruppe heraus. Es ist Maryna Załężowska, eine gefeierte Schauspielerin auf dem Höhepunkt ihrer Karriere. Sie ist mit einem Grafen, verheiratet, der eher ihr treuster Freund als ihr Liebhaber ist, ohne den sie aber nicht sein will. Aus einer früheren Beziehung hat sie einen Sohn. Um sie herum ist eine Gruppe von Freunden und Verehrern. Sie hat alles und doch ist sie nicht glücklich. Sie sehnt sich nach etwas Neuem, nach neuen Herausforderungen.
„Take this dissatisfaction from me, or give me the means to accomplish my desire.” (S. 55)
Im beschaulichen Zakopane der 1870er Jahre verbringt sie mit ihrer Familie und ihren Freunden ihren Urlaub und ausgehend von Maryna fassen sie den Beschluss in die Vereinigten Staaten auszuwandern. Die USA scheinen Maryna der ideale Ort zu sein, um ein neues Leben zu beginnen. 1876 machen sie sich auf und pachten eine Farm in Anaheim/Kalifornien. In der deutschen Siedlung belächelt man ihr Unterfangen, eine utopische Gemeinschaft zu schaffen. Die anfängliche Euphorie weicht auch bald Problemen in der Gruppe und Problemen die Farm zu betreiben. Schließlich zerbricht die Gruppe, einige gehen zurück nach Polen.
Maryna verlässt sich auf ihre Fähigkeiten und beginnt wieder als Schauspielerin zu arbeiten, um den Lebensunterhalt für ihre Familie zu verdienen. Hier kann sich der Leser fragen, ob sie das nicht von langer Hand geplant hat. Schließlich hat sie all ihre Kostüme mit in die USA gebracht.
Wie alles was Maryna macht, geht sie auch ihre zweite Schauspielkarriere gründlich an. Sie nimmt Sprachunterricht und spricht schließlich an einem Theater vor. Natürlich ist sie damit sehr erfolgreich. Sie gründet bald eine eigene Kompanie, mit der sie im ganzen Land auftritt und sie arbeitet schließlich mit dem berühmtesten männlichen Schauspieler ihrer Zeit, Edwin Booth, zusammen.
Die erste Hälfte des Romans lebt von der Energie des Abenteuers und von der Diversität der vorgestellten Charaktere. In der zweiten Hälfte des Romans findet eine stärkere Fokussierung auf Maryna statt. Diese Zuspitzung der Handlung geht jedoch nicht mit der Dramatisierung der Sprache einher, sondern die Sprache Marynas wirkt immer öfter wie ein Deklamieren. Und darin offenbart sich die eigentliche Schwäche des Romans – das Auseinanderdriften von Stil und Inhalt.
Es ist Sontags Maxime, der Dominanz des Stils über den Inhalt (dargelegt in ihrem Essay „Against Interpretation“), die in diesem Werk die Einheit beider Elemente aufhebt. Man mag wie ich Sontags Ansicht teilen, dass heute der Interpretation des Inhalts zu viel Raum gegeben wird und der Stil (und das ist in vielen aktuellen Romanen der Fall) vernachlässigt wird. Dennoch dürfen Inhalt und Stil nicht so auseinander klaffen, wie diese hier der Fall ist.
Inhaltlich lässt Sontag die vordringlichste Frage, die sich dem Leser stellt, unbeantwortet: Was bedeutet es eine Diva zu sein? Wie denkt Maryna darüber, wie ihre Freunde und Bewunderer? Diesen Einwand muss sich die Autorin gefallen lassen, da sie selbst dieses Thema aufbringt. Zu Beginn des Romans lässt Sontag ihr fiktives Ich erzählen, wie ergriffen sie von Diven wie der Callas ist. … Eigentlich ein perfektes Thema für eines ihrer Essays.
Stil über Inhalt. In Essays spricht die Anordnung der Argumente von Intelligenz und macht das Essay besser als die Summe der Argumente ist. Der Aufbau des Essays ist also selbst ein wichtiges Element dessen. Und das hat Sontag in den meisten ihrer Essays eindrucksvoll bewiesen. In diesem Roman sieht es jedoch anders aus. Hier versucht sie eine Geschichte erzählen, wobei sie den Stil getrennt vom Inhalt betrachtet. Die Einschübe von Briefen, von Tagebuchauszügen oder inneren Monologen bringen beim Lesen zwar Abwechslung – gerade im ersten Teil des Werks, doch die Konstruiertheit dessen, wird schon vor Ende des Romans klar. Stil ist hier nur Instrument und nicht Element des Romans. Dadurch wirkt ihr ganzes Werk sehr gewillt, denn Stil, wie Sontag ihn meint, wird immer erschaffen und unterliegt in den wenigsten Fällen der Kreativität.
Unerwähnt soll hier auch nicht die Kontroverse bleiben – manche nannten es auch einen Skandal, die dieses Buch auslöste. Offensichtlich hat Ms Sontag mehrere Sätze bzw. Textstellen aus anderen Büchern über Helena Modrzejewska direkt oder in leicht veränderter Weise übernommen, ohne sie als Zitate kenntlich zu machen. In wissenschaftlicher Literatur oder in Essays wäre dies ein klarer Verstoß gegen alle Regeln, doch wie sieht es in historischen Romanen aus? Diese Frage ist von der Literaturwissenschaft bisher nicht zufrieden stellend beantwortet worden und wird nach wie vor intensiv diskutiert. Meiner Ansicht nach ist es für den Erzählfluss in einem Roman nicht von Nachteil mit Zitaten und Fußnoten zu arbeiten, solange letztere erst im Anhang ausgeführt werden. Wenn darauf verzichtet wird, sollten jedoch zumindest alle verwendeten Quellen genannt werden.
Es ist nicht zuletzt diese Kontroverse, die den Leser mit einem faden Beigeschmack nach dem Lesen von „In America“ zurücklassen kann.
Der Roman ist lesenswert und ebenso ambitioniert wie seine Autorin, doch an den Erfolg von „The Volcano Lover“ kann Sontag damit nicht anknüpfen. Für mich bleibt Sontag immer zuerst Essayistin und weniger Romanautorin.
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen