Freitag, 8. Juni 2012

Time to Say Goodbye

Die letzten Tage meiner Famulatur verliefen für mich relativ unspektakulär, außer das eine Mal, als ich mich plötzlich ganz allein - bezogen auf orthopädisches Fachpersonal - am OP-Tisch wieder fand...
Es war eine Knie-TEP. Wir hatten schon alles geschafft, das neue Knie war drin und der Patient musste nur noch zugemacht werden. Der 1. Assistent trat schon vorher ab, um schon mal für die Abrechnung sämtliche Prozeduren zu codieren. Also waren nur noch mein Chef und ich steril am Tisch. Da der Patient eine Nickelallergie hatte, konnten wir dieses Mal nicht Klammern, was wesentlich komfortabler als Nähen ist. So mussten wir Nähen. Mein Chef fing unten an und ich oben. Das war übrigens meine 2. Naht. 
Nach geraumer Zeit trafen wir uns irgendwo und plötzlich war da nur noch Platz für Einen. Und was macht mein Chef? Er geht und lässt mich allein am OP-Tisch zurück! Also machte ich mich dran den letzten Stich zu machen. Nach etwas umher fummeln, schaffte ich es auch und die Haut war zu. Ich sagte: „Die Haut ist zu!“. Das muss man tun um letztendlich die Dauer der OP zu bestimmen. Scheinbar hörte aber niemand auf mich kleine Famula, denn geraume Zeit später stellte man sich die Frage: Wann war denn jetzt die Haut zu?
Dann musste das Bein ja nun auch noch verbunden werden. Hatte ich auch noch nie allein gemacht. Aber wofür gab es denn nette OP-Pfleger? Er eilte mir helfend herbei und kurze Zeit später hatte sich dann auch der 1. Assistent mal wieder eingefunden um beim Verbinden zu helfen. So nahm alles seinen Lauf…
Ach ja, ich hatte diese Woche auch mal wieder ein paar hypochondrische Phasen, die ich glücklicherweise aber heil überstanden habe. Beispielsweise hatte ich Bauchschmerzen. Plötzlich, während ich mich medizinisch mit einer Folge Scrubs weiterbildete, fiel es mir auf: Die Bauchschmerzen waren im rechten unteren Quadranten meines Bauches lokalisiert. Klar, jedem ernstzunehmenden Hypochonder unter Euch wird jetzt einfallen: eine Entzündung des Wurmfortsatzes des Blinddarms - auf schlau: Appendizitis. Genau dasselbe ist mir auch durch den Kopf gegangen. Und gleich danach kam der Gedanke daran, dass die meisten Appenditiden mit Appendektomien - einer Entfernung besagten Wurmfortsatzes - endeten. Aber ich wollte nicht unters Messer kommen - und schon gar nicht hier, wo ich doch den Chefarzt der Viszeralchirurgie kenne!
Aber erst einmal, beruhigte ich mich, musste ich die Diagnose sichern oder halt ausschließen, wobei mir natürlich Letzteres lieber gewesen wäre. Also legte ich mich erst einmal in entsprechende Untersuchungsposition auf mein Bett und fing mit der einfachsten Teil der Untersuchung an - dem McBurney-Punkt. Ich hatte ihn relativ schnell ertastet und tatsächlich tat es mir dort ein wenig weh. Ooohhh…. Aber es gibt ja noch einige andere klinische Zeichen für eine Appendizitis, fiel mir ein, wie beispielsweise der Lanz-Punkt, das Rovsing- (retrogrades Ausstreichen des Dickdarms) oder das Blumberg-Zeichen (Loslassschmerz). Huh, Schwein gehabt: alles negativ! Ich beruhigte mich ein wenig und am nächsten Morgen war dann auch wieder alles gut.
Schließlich war der Tag des Abschiedes gekommen - mein letzter Arbeitstag. Irgendwie war der Tag sehr merkwürdig, so ganz uncharakteristisch für meine Famulatur hier. Morgens machten wir Visite, danach ging mein Stationsarzt in den OP und ich zu dem Kollegen auf die benachbarte Station und nahm an den Aufnahmegesprächen teil. Nachdem der Kollege dort dann noch die Entlassungsbriefe diktiert hatte, war die Arbeit getan. Wir hatten plötzlich nichts mehr zu tun. Ich musste auch nicht in den OP - ich stand sogar schon gar nicht mehr auf dem OP-Plan - als würde ich gar nicht mehr da sein. So verlief irgendwie der ganze Tag.
Zum krönenden Abschluss ging es dann noch in die Nachmittagsbesprechung, wo mir am Ende nochmals dafür gedankt wurde, dass ich da gewesen war. Mir war ehrlich gesagt gar nicht bewusst, dass ich so viel geholfen hatte. Eher hätte ich in die andere Richtung gedacht, aber scheinbar hatten meine zahlreichen Tage, die ich im OP verbrachte, doch irgendwie geholfen. Zum Abschluss musste ich dann noch zeigen, was ich im Verlaufe meiner Famulatur am Kicker-Tisch gelernt hatte - mein Partner und ich gewannen 10:5 oder so….
Mit einem großen weinenden Auge und einem kleinen lachenden Auge machte ich mich dann auf in mein spartanisches Zimmer im Personalwohnheim um meinen Koffer zu packen. Am nächsten Tag fuhr ich wieder nach Rostock, um dann gleich nach dem Wochenende wieder mit der Uni zu beginnen.
Im Rückblick war es eine total tolle Famulatur, die ganz anders gelaufen ist, als ich es mir im Voraus gedacht hatte. Ich war tatsächlich positiv davon überrascht, wie viel Mühe man sich hier gab, um mir die verschiedenen Sachverhalte oder Tätigkeiten zu erklären und wie viel ich selbst machen durfte. Was mich wiederum negativ überrascht hat, war, wie stark man hier auf die Kosten achtete. Zum Beispiel wurde darauf geachtet, ja nicht zu viele Patienten aufzunehmen, die konservativ behandelt werden mussten, sondern immer genügend Patienten mit operativer Therapie auf der Station liegen zu haben.
Es war eine wundervolle Famulatur… Aber wie heißt es so schön: Nach dem Spiel ist vor dem Spiel. Das gilt in diesem Fall auch. Ich bin schon mitten in der Organisation meiner nächsten Famulatur.
Damit verabschiede ich mich erst einmal aus NRW.

Bis bald,
Eure Dr. des. Knochenflicker

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