Dienstag, 18. Februar 2014

Immer wieder ein erstes Mal


Ich weiß, ich weiß… ich lies lange nichts mehr von mir hören. Es tut mir sehr leid … aber so läuft das Leben von Medizinstudenten. Auf die tollen Dinge im Leben muss man manchmal verzichten, um den Pflichten des Studiums bzw. der Doktorarbeit nach zu kommen.
Nun, da ich alle meine Klausuren geschrieben und hoffentlich auch bestanden habe, kann es mal wieder auf große „Famulatour“ losgehen. Naja, dieses Mal ist sie gar nicht so groß ausgefallen. Es ging für mich gleich von der letzten Klausur zum Bahnhof in ein kleines Kaff in Brandenburg. Wie formulierte eine Kollegin das? „Was willst du denn da??? Da ist doch nichts!“ Doch! Ein Krankenhaus und sogar eine Notaufnahme. Das reicht aus um mein kleines Herz höher schlagen zu lassen.
Allerdings gestaltete sich die Anreise auf Grund der geografischen Lage ein wenig schwieriger als man denken könnte. Die Stadt liegt nämlich in Nordbrandenburg, nicht sehr weit von Berlin entfernt, und hat eine architektonisch wunderschöne Altstadt. Hups, jetzt hätte ich fast zu viel verraten ;-).
Ich hatte die Wahl zwischen zwei Mal Umsteigen in irgendwelchen Mecklenburger Kaffs oder ein Mal in Berlin. Ich entschied mich fürs Letzte. Das hieß ich fuhr erst von Rostock Richtung Süden - Berlin - um dann wieder in Richtung Norden zu fahren. Wie ich die Deutsche Bahn liebe!! Zumindest kam ich pünktlich im „Nichts“ an, um dann mit 25 kg Marschgepäck zum letzten Bus gen Krankenhaus zu sprinten äh kriechen.
Natürlich fuhr dieser nicht direkt bis zum Krankenhaus, da es ja schon 21:30 durch war und fast alle Bürgersteige schon hochgeklappt waren. Die letzen 500 m durfte ich bei feinem Nieselregen zu Fuß bewältigen. Das war die Einleitung für die Tortour, die gleich folgen sollte.
Am Krankenhaus angekommen machte ich mich erst einmal auf die Suche nach dem Pförtner und irrte einmal komplett über das mehrere hundert Quadratmeter große Gelände. Dort angekommen wurde ich auch schon erwartet. Man händigte mir meinen Schlüssel zum Wohnheim und eine Karte aus.
Ich machte mich dann mal auf!! 2,3  km zum Wohnheim mit 25 kg Gepäck zu Fuß mit beginnender Blasenbildung an meinen beiden Fußsohlen. Nach 30 min und wiederholter Aufgabe des Beckengurtes meines Backpacks war es geschafft und ich tot. Naja fast! Durch das Zimmer humpelnd, packte ich dann mal aus. Schließlich wollte ich am Freitag nach meinem ersten Famulaturtag gleich zu meinen Eltern fahren. Am Ende versorgte ich noch die monstermäßig großen Blasen an meiner Fußsohle, indem ich die Flüssigkeit ablies. Bei ordentlichem Druck auf die Blasen, konnte ich damit sogar einen Springbrunnen erzeugen. J
Um Mitternacht fiel ich dann eeennnndlich ins Bett und konnte natürlich nicht einschlafen, obwohl ich doch in 5,5 h schon wieder aufstehen musste!!!
Entsprechend fertig war ich am nächsten Morgen. Immer noch humpelnd machte ich mich für Studenten mitten in der Nacht auf und wollte meinen Bus zum Krankenhaus erwischen. Klappte auch. Nur der Ticketkauf erwies sich dann etwas schwieriger. Hier auf’m Land macht man das ja noch beim Fahrer. Ich also so: „Guten Morgen! Ich hätte gern ein Tagesticket!“ Ich warte und warte und warte… 10 sek, 15 sek… der Fahrer starrt mich immer weiter an. Ich so: „Ist irgendetwas nicht richtig? Kann ich das Ticket nicht bei Ihnen kaufen?“ - „Doch das können Sie schon. Aber Sie müssten mir schon sagen, wo Sie hin wollen.“ - „Zum Krankenhaus. Also Stadtgebiet Rostock.“ - „Nach Rostock kann ich Sie jetzt aber nicht fahren…“ Ja, ja um meine morgendliche Wachheit war es nicht gut bestellt. Wie sollte ich nur gleich Patienten behandeln??
Nachdem ich auf dem Krankenhausgelände, wo jede Abteilung ihr eigenes Haus hat, das richtige gefunden hatte, erkundete ich das Dachgeschoss auf der Suche nach der Chefsekretärin. Richtiges Büro fand ich auf Anhieb. Nur wo war die Sekretärin??? Mit der Hilfe einer Krankenschwester, die im benachbarten Untersuchungszimmer die Chefsprechstunde vorbereitete, fand ich heraus, dass die Sekretärin erst in 30 min ihre Arbeit beginnen, aber der Chef wohl in Kürze zur Frühbesprechung aufschlagen würde. Also wartete ich nun auf den Chefarzt, der sich später als sympathischer herausstellte als er in einem Famulaturbericht beschrieben wurde. Naja, bis jetzt. Mal schauen was da noch so kommt.
Nach der Frühbesprechung durfte ich dann gleich mal mit zur Visite und im Anschluss - natürlich wie sollte es auch anders sein ;-) - Blut zapfen gehen. Zum Dank bekam ich dann aber auch gleich mal sehr leckeren Kuchen spendiert. Der sollte mich auf die nächsten Stunden im OP vorbereiten denn die Oberärztin wollte mich zu einer Eierstock-Carcinom-OP mitnehmen. Meine erste Bauch-OP, die mal gleich so etwa 5 h dauerte. Zwischen den Beinen der Patienten positioniert, konnte ich gleich mal beobachten, wie der leitende Oberarzt mit sehr lockerer Skalpellführung ein „S“ in den Bauch der Patientin ritzte um gleich daneben noch ein zweiten kurvigen Schnitt zu setzen. Als er sich endlich durch das ganze Fett bis zum Bauchfell präpariert hatte und dies durchtrennte, erstreckte sich vor mir zum ersten Mal die faszinierende (lebende) Bauchanatomie des Menschen. Krass!
Weiter gings ohne Pause zum Eierstock-Ca, welches sich als ein Ball mit vielen verschiedenen, flüssigkeitsgefüllten Kammern darstellte. Die assistierende Oberärztin war so entzückt, dass sie gleich mal ein Foto schießen wollte.
Das Ding ging dann sofort zum Schnellschnitt, obwohl man eigentlich das Wort „Schnell“ im Schnellschnitt weglassen hätte können. Normalerweise dauert das nämlich 15 bis 30 min. Hier hat es doch ganze 60 min gedauert bis wir wussten, was das für ein Tumor war. Inzwischen machte der „oldschool“-Oberarzt schon mal ein wenig weiter, weil er ja eigentlich schon wusste, dass das nicht gutartig sein konnte. Also kamen nacheinander der andere Eierstock und dann die Gebämutter heraus. Als das dann erledigt war, warteten wir immer noch und sogar ich als Famulantin bekam einen Hocker angeboten! Es kam mal wieder der abgedroschene Spruch, dass man jetzt einen sterilen Kaffee bräuchte und bald konnte es dann auch endlich weiter gehen mit der Suche nach Metastasen im Bauchfett und -fell sowie den Lymphknoten. Jetzt hatte meine große Stunde geschlagen, wie der Leitende verkündete. Ich durfte den Darm halten, während sie die Metastasen suchen und finden würden. Dafür hatte ich das große Vergnügen so nah an den Leitenden heran rücken zu dürfen, dass das in einer anderen Situation schon als „sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz“ gegolten hätte. Um ihn nicht unsteril zu machen, musste ich mich relativ weit nach hinten lehnen, sodass nach einer halben Stunde mein kompletter Rücken so verspannt war, dass ich mir nach der OP noch nicht einmal mehr stehend die Schuhe anziehen konnte.
Im Anschluss machte ich noch ein paar Behördengänge im Krankenhaus, die ich noch zu erledigen hatte und dann wurde ich verfrüht ins Wochenende geschickt, dass ich mir, wie ich fand, redlich verdient hatte.
So viel für heute. Morgen geht es weiter.

Bis dann.
Eure Dr. des. Knochenflicker.
PS: Ich würde mich über ein paar Tipps hinsichtlich der Behandlung von Riesenblasen an Fußsohlen freuen. Das Ablassen von seröser Flüssigkeit, was Beachside am Wochenende mehrmals bei mir betreiben durfte, hat es nicht wirklich gebracht.

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