Ich weiß, ich weiß… ich lies lange nichts mehr von mir hören. Es tut mir sehr leid … aber so läuft das Leben von Medizinstudenten. Auf die tollen Dinge im Leben muss man manchmal verzichten, um den Pflichten des Studiums bzw. der Doktorarbeit nach zu kommen.
Nun, da ich alle meine
Klausuren geschrieben und hoffentlich auch bestanden habe, kann es mal wieder
auf große „Famulatour“ losgehen. Naja, dieses Mal ist sie gar nicht so groß
ausgefallen. Es ging für mich gleich von der letzten Klausur zum Bahnhof in ein
kleines Kaff in Brandenburg. Wie formulierte eine Kollegin das? „Was willst du
denn da??? Da ist doch nichts!“ Doch! Ein Krankenhaus und sogar eine
Notaufnahme. Das reicht aus um mein kleines Herz höher schlagen zu lassen.
Allerdings gestaltete
sich die Anreise auf Grund der geografischen Lage ein wenig schwieriger als man
denken könnte. Die Stadt liegt nämlich in Nordbrandenburg, nicht sehr weit von
Berlin entfernt, und hat eine architektonisch wunderschöne Altstadt. Hups,
jetzt hätte ich fast zu viel verraten ;-).
Ich hatte die Wahl
zwischen zwei Mal Umsteigen in irgendwelchen Mecklenburger Kaffs oder ein Mal
in Berlin. Ich entschied mich fürs Letzte. Das hieß ich fuhr erst von Rostock
Richtung Süden - Berlin - um dann wieder in Richtung Norden zu fahren. Wie ich
die Deutsche Bahn liebe!! Zumindest kam ich pünktlich im „Nichts“ an, um dann
mit 25 kg Marschgepäck zum letzten Bus gen Krankenhaus zu sprinten äh kriechen.
Natürlich fuhr dieser
nicht direkt bis zum Krankenhaus, da es ja schon 21:30 durch war und fast alle
Bürgersteige schon hochgeklappt waren. Die letzen 500 m durfte ich bei feinem
Nieselregen zu Fuß bewältigen. Das war die Einleitung für die Tortour, die
gleich folgen sollte.
Am Krankenhaus angekommen
machte ich mich erst einmal auf die Suche nach dem Pförtner und irrte einmal
komplett über das mehrere hundert Quadratmeter große Gelände. Dort angekommen
wurde ich auch schon erwartet. Man händigte mir meinen Schlüssel zum Wohnheim
und eine Karte aus.
Ich machte mich dann mal
auf!! 2,3 km zum Wohnheim mit 25 kg
Gepäck zu Fuß mit beginnender Blasenbildung an meinen beiden Fußsohlen. Nach 30
min und wiederholter Aufgabe des Beckengurtes meines Backpacks war es geschafft
und ich tot. Naja fast! Durch das Zimmer humpelnd, packte ich dann mal aus. Schließlich
wollte ich am Freitag nach meinem ersten Famulaturtag gleich zu meinen Eltern
fahren. Am Ende versorgte ich noch die monstermäßig großen Blasen an meiner
Fußsohle, indem ich die Flüssigkeit ablies. Bei ordentlichem Druck auf die
Blasen, konnte ich damit sogar einen Springbrunnen erzeugen. J
Um Mitternacht fiel ich
dann eeennnndlich ins Bett und konnte natürlich nicht einschlafen, obwohl ich
doch in 5,5 h schon wieder aufstehen musste!!!
Entsprechend fertig war
ich am nächsten Morgen. Immer noch humpelnd machte ich mich für Studenten
mitten in der Nacht auf und wollte meinen Bus zum Krankenhaus erwischen.
Klappte auch. Nur der Ticketkauf erwies sich dann etwas schwieriger. Hier auf’m
Land macht man das ja noch beim Fahrer. Ich also so: „Guten Morgen! Ich hätte
gern ein Tagesticket!“ Ich warte und warte und warte… 10 sek, 15 sek… der
Fahrer starrt mich immer weiter an. Ich so: „Ist irgendetwas nicht richtig?
Kann ich das Ticket nicht bei Ihnen kaufen?“ - „Doch das können Sie schon. Aber
Sie müssten mir schon sagen, wo Sie hin wollen.“ - „Zum Krankenhaus. Also
Stadtgebiet Rostock.“ - „Nach Rostock kann ich Sie jetzt aber nicht fahren…“
Ja, ja um meine morgendliche Wachheit war es nicht gut bestellt. Wie sollte ich
nur gleich Patienten behandeln??
Nachdem ich auf dem
Krankenhausgelände, wo jede Abteilung ihr eigenes Haus hat, das richtige
gefunden hatte, erkundete ich das Dachgeschoss auf der Suche nach der
Chefsekretärin. Richtiges Büro fand ich auf Anhieb. Nur wo war die Sekretärin???
Mit der Hilfe einer Krankenschwester, die im benachbarten Untersuchungszimmer
die Chefsprechstunde vorbereitete, fand ich heraus, dass die Sekretärin erst in
30 min ihre Arbeit beginnen, aber der Chef wohl in Kürze zur Frühbesprechung aufschlagen
würde. Also wartete ich nun auf den Chefarzt, der sich später als sympathischer
herausstellte als er in einem Famulaturbericht beschrieben wurde. Naja, bis
jetzt. Mal schauen was da noch so kommt.
Nach der Frühbesprechung
durfte ich dann gleich mal mit zur Visite und im Anschluss - natürlich wie
sollte es auch anders sein ;-) - Blut zapfen gehen. Zum Dank bekam ich dann
aber auch gleich mal sehr leckeren Kuchen spendiert. Der sollte mich auf die
nächsten Stunden im OP vorbereiten denn die Oberärztin wollte mich zu einer
Eierstock-Carcinom-OP mitnehmen. Meine erste Bauch-OP, die mal gleich so etwa 5
h dauerte. Zwischen den Beinen der Patienten positioniert, konnte ich gleich
mal beobachten, wie der leitende Oberarzt mit sehr lockerer Skalpellführung ein
„S“ in den Bauch der Patientin ritzte um gleich daneben noch ein zweiten
kurvigen Schnitt zu setzen. Als er sich endlich durch das ganze Fett bis zum
Bauchfell präpariert hatte und dies durchtrennte, erstreckte sich vor mir zum
ersten Mal die faszinierende (lebende) Bauchanatomie des Menschen. Krass!
Weiter gings ohne Pause
zum Eierstock-Ca, welches sich als ein Ball mit vielen verschiedenen,
flüssigkeitsgefüllten Kammern darstellte. Die assistierende Oberärztin war so
entzückt, dass sie gleich mal ein Foto schießen wollte.
Das Ding ging dann sofort
zum Schnellschnitt, obwohl man eigentlich das Wort „Schnell“ im Schnellschnitt
weglassen hätte können. Normalerweise dauert das nämlich 15 bis 30 min. Hier
hat es doch ganze 60 min gedauert bis wir wussten, was das für ein Tumor war.
Inzwischen machte der „oldschool“-Oberarzt schon mal ein wenig weiter, weil er
ja eigentlich schon wusste, dass das nicht gutartig sein konnte. Also kamen
nacheinander der andere Eierstock und dann die Gebämutter heraus. Als das dann
erledigt war, warteten wir immer noch und sogar ich als Famulantin bekam einen
Hocker angeboten! Es kam mal wieder der abgedroschene Spruch, dass man jetzt
einen sterilen Kaffee bräuchte und bald konnte es dann auch endlich weiter
gehen mit der Suche nach Metastasen im Bauchfett und -fell sowie den
Lymphknoten. Jetzt hatte meine große Stunde geschlagen, wie der Leitende
verkündete. Ich durfte den Darm halten, während sie die Metastasen suchen und
finden würden. Dafür hatte ich das große Vergnügen so nah an den Leitenden
heran rücken zu dürfen, dass das in einer anderen Situation schon als „sexuelle
Belästigung am Arbeitsplatz“ gegolten hätte. Um ihn nicht unsteril zu machen,
musste ich mich relativ weit nach hinten lehnen, sodass nach einer halben
Stunde mein kompletter Rücken so verspannt war, dass ich mir nach der OP noch
nicht einmal mehr stehend die Schuhe anziehen konnte.
Im Anschluss machte ich
noch ein paar Behördengänge im Krankenhaus, die ich noch zu erledigen hatte und
dann wurde ich verfrüht ins Wochenende geschickt, dass ich mir, wie ich fand,
redlich verdient hatte.
So viel für heute. Morgen
geht es weiter.
Bis dann.
Eure Dr. des.
Knochenflicker.
PS: Ich würde mich über
ein paar Tipps hinsichtlich der Behandlung von Riesenblasen an Fußsohlen
freuen. Das Ablassen von seröser Flüssigkeit, was Beachside am Wochenende
mehrmals bei mir betreiben durfte, hat es nicht wirklich gebracht.
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen