Donnerstag, 19. November 2009

Schneestürme und Luftröhrenschnitte

Passend zum Herbst erschien vor kurzem bei Sammlung Luchterhand Michail Bulgakows „Arztgeschichten“. In dem dünnen Band mit Kurzgeschichten verarbeitet Bulgakow seine eigenen Erfahrungen als junger Arzt, der direkt nach seinem Medizinstudium im Jahr 1916 als Landarzt tätig ist. Völlig auf sich allein gestellt sieht er sich schweren Krankheiten und komplizierten Operationen gegenüber, die er nur aus seinen Büchern kennt. Er wird mit der seuchenartigen Verbreitung der Syphilis konfrontiert, der er ebenso machtlos gegenübersteht wie dem Aberglauben der Bauern.
Während Bulgakow oder besser das fiktive Ich die Zeit auf dem Landarztposten unbeschadet übersteht, erzählt die letzte Geschichte von einem Nachfolger auf dem Posten, der dem Morphin verfällt und den auch Bulgakows fiktiver Dr. Bomhard nicht mehr retten kann.
Angesichts seiner lebendigen Sprache gelingt es Bulgakow den Leser in sein Werk hineinzuziehen. Die Sprachgewalt, die dramatische Begabung und das feinfühlige Sezieren tiefster Ängste und Gefühlen der Einsamkeit sind beeindruckend.

„Wer noch nie im Pferdewagen öde Feldwagen entlang gezuckelt ist, dem brauche ich nichts darüber zu erzählen, er begreift es doch nicht. Wer es aber schon erlebt hat, den möchte ich nicht daran erinnern.“

In Ansätzen ist hier schon seine komische und satirische Ader zu erkennen, obwohl sie bei weitem nicht so ausgeprägt ist wie in seinen späteren Werken. An vielen Stellen merkt man, dass diese Kurzgeschichten zu den ersten gehörten, die er geschrieben hat. Gerade bei der Schilderung der Winterstürme fühlte ich mich immer an Gogol erinnert, was auch nicht abwegig ist, war Bulgakow doch ein großer Bewunderer seines Landsmannes. Er nahm sogar Gogol Figur „Tschitschikow“ aus „Die Toten Seelen“ in eine eigene Kurzgeschichte auf („Die Abenteuer des Tschitschikow“ in „Teufeliaden“).
Insgesamt sind Bulgakows „Arztgeschichten“ ein nettes, kleines Werk für verregnete oder verschneite Wochenenden.

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