Jetzt werden sich garantiert einige von euch fragen, was hat denn Dornröschen mit Schmerzen zu tun? Einer meiner Profs sagte einmal in einer Neuroanatomievorlesung, dass der Schmerz wie Dornröschen ist. Solange Dornröschen schläft, tut sie das auch tief und fest. Aber wacht sie erst einmal auf, kann man sie nur sehr schwer wieder zum Einschlafen bringen. Wie sehr diese Metapher stimmt, sehe ich zurzeit immer wieder auf meiner Station, wenn Patienten in den ersten Tagen nach ihrer OP darüber klagen, dass ihr Schmerzmittel nicht wirken.
Im konkreten Fall ging es um eine Pilonfraktur (Pilon ist der untere, gelenknahe Abschnitt des Schienenbeins). Zunächst wurde sie mit einem Fixateur externe und später mit Nägeln versorgt. Nachdem die Nägel eingesetzt wurden, klagte die Pilonfraktur immer wieder über Schmerzen und beschwerte sich, dass ihr schon immer eingenommenes Schmerzmedikament (Tilidin – führt leicht zur psychischen Abhängigkeit) nicht in ihrem Pillendöschen sei, obwohl der Arzt es ihr doch verschrieben hätte (was aber nicht stimmte). Das artete leider soweit aus, dass sie dem Pflegepersonal sogar mit ihrem Anwalt gedroht hat. Hier zeigt sich, wie leicht bestimmte Schmerzmittel zur Sucht führen können.
Tilidin mit Naloxonzusatz gehört zur Stufe 2 des 3-Stufenschemas der WHO zum Vorgehen in der Schmerztherapie. Dieses Stufenschema wurde ursprünglich für die Schmerztherapie bei Tumorerkrankungen entwickelt. Allerdings wird es heute auch in der normalen Schmerzpraxis benutzt. Die Stufe 1 beinhaltet die Nichtopioid-Analgetika (Schmerzmittel, die schmerzauslösende biochemische Prozesse unterdrücken), wie beispielsweise Aspirin oder Paracetamol. Bei der Stufe 2 handelt es sich dann schon um eine Kombination aus schwachen Opioidanalgetika und Nichtopioid-Analgetika. Opioidanalgetika hemmen die Entstehung und Weiterleitung von Schmerzen an den körpereigenen Opioidrezeptoren (Schmerzrezeptoren). Allerdings dürfen diese schwachen Opioidanalgetika nicht unter die Betäubungsmittel-Verschreibungsverordnung (BtMVV) fallen. Beispiele dafür sind Codein und Tilidin/Naloxon. Die Stufe 3 ist erreicht, wenn eine Kombination aus starkem Opioidanalgetika und einem Nichtopioid-Analgetika verabreicht wird. Starkwirksame Opioide sind z.B. Morphin, Fentanyl oder Methadon. Auf jeder dieser 3 Stufen können zusätzlich noch weitere Maßnahmen, wie Physiotherapie oder Schmerzbewältigungsverfahren, eingesetzt werden.
Leider wird über das Suchtpotential von Schmerzmedikamenten in Krankenhäusern kaum geredet bzw. über die Folgen geschwiegen. Wichtig ist im ersten Moment ja nur, dass der Patient keine Schmerzen mehr hat …
Also: immer schön aufpassen, welche Pillen man da in sich rein futtert und vor allem wie lange!
Eure
Dr. des. Knochenflicker
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