Montag, 26. September 2011

Gore Vidal: Hollywood

Vidals „Hollywood“ ist der 5. Teil seiner „Narratives of Empire“ Reihe, die einzelne Aspekte der amerikanischen Zeitgeschichte schildert und mit fiktionalen Elementen zu Romanen verarbeitet. Gleichzeitig ist dies der erste Teil der Reihe, den ich im Oktober 2009 las. „Hollywood“ befasst sich mit dem Jahren 1917 bis 1924 und erzählt vom amerikanischen Selbstbild und dem Weltbild der USA während der Entstehung der Filmindustrie. Der Zeitabschnitt meint auch, dass uns hier die Präsidenten Woodrow Wilson und Warren G. Harding ebenso begegnen wie Henry Cabot Lodge, dessen Enkel H.C. Lodge jr., dem späteren U.N. und westdeutschem Botschafter, und dem Zeitungsmagnaten William Randolph Hearst. Auf der fiktiven Seite folgt Vidal dem Leben der Halbgeschwister Blaise und Caroline Sanford, den Verlegern der Washington Tribune.
Vidal eröffnet den Roman mit einem Gespräch zwischen William R. Hearst und Blaise Sanford, in dem ersterer verkündet, eine Filmproduktionsfirma gründen zu wollen. Wer jetzt meint, es gehe nun direkt nach Hollywood, der kennt Vidal nicht. Nein, es geht nun erst einmal in die Untiefen Washingtons. Ganz nebenbei bemerkt: Wer mehrere Teile der Reihe liest, sollte beobachte, wie sich die Stadt verändert. Während Krieg oder Frieden diskutiert und Grabenkämpfe zwischen und innerhalb der Parteien ausgetragen werden, erfährt der Leser alles über die Washingtoner Gesellschaft, ihre Verstrickungen und ihre Affären, was dem Autor wichtig erscheint. Das ist allerdings so viel und so detailreich, dass der Leser einzelne Personen schon wieder vergessen hat, wenn Vidal auf sie zurückkommt. Auf über 600 Seiten wird das zu einem Problem, ähnlich wie bei Pasternaks Dr. Schiwago, insbesondere wenn man den Roman einige Tage aus den Händen legt. Schließlich hat Vidal doch ein Einsehen mit dem Leser und nimmt ihn mit nach Holywood. Caroline Sanford gründet eine eigene Produktionsfirma und macht unbeabsichtigt eine Karriere als Stummfilmschauspielerin …
Und wer sich bis dahin noch nicht der doppelten Bedeutung des Romantitels „Hollywood“ bewusst gewesen ist, dem wird es jetzt wie Schuppen von den Augen fallen: Washington ist auch nur Hollywood! Beide Orte sind in sich geschlossen. Jede der Gesellschaften ist nur mit sich selbst beschäftigt und in beiden lautet das Ziel: Macht und Einfluss. Vidal spricht dabei aus den eigenen Erfahrungen. In Hollywood war er Drehbuchautor und wirkte an der legendären Verfilmung von Ben Hur mit. In Washington schrieb er Jahre später Reden für Präsident John F. Kennedy.
Letztlich läuft in „Hollywood“ alles auf die Frage hinaus, ob die aufkeimenden Visionen eines Medienmoguls wie Hearst, die amerikanische Psyche zu beeinflussen, die Entwicklungen in Washington übertrumpfen und für diese selbst unerlässlich werden können.

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