Samstag, 8. Juni 2013

Joan Didion - Politik und Verlust


Wie ein Adler, der über einem Feld schwebt, seine Beute fest im Auge, hat Didion immer das Ziel ihrer Worte vor Augen. Sie ist immer mitten drin, sowohl in ihren Essays als auch in ihren Romanen. Dort, wo sie es zulässt erfährt der Leser etwas über die Frau Joan Didion, in aller Ehrlichkeit. Doch schon ist der Moment vorbei und der Leser bleibt überrascht zurück.
So wie nach den ersten Absätzen von „In the Islands“ aus „The White Album“:
„1969: I had better tell you where I am, and why. I am sitting in a high-ceilinged room in the Royal Hawaiian Hotel in Honolulu watching the long translucent curtains billow in the trade wind and trying to put my life back together. My husband is here, and our daughter, age three […] We are here on this island in the middle of the Pacific in lieu of filing for divorce.” 
Ihre Worte sind scharfkantig, ihre Sätze präzise, exakt platziert. Sie kommt ohne Verzierungen in ihren Texten aus, doch „schlicht“ ist das, was sie schreibt keinen Falls. Emotionen werden bei ihr nicht erklärt, sondern gezeigt. Und dort, wo sie romantische Bilder erschafft, vergisst sie nicht, den Leser wieder auf den Boden der Tatsachen zurückzubringen.
„Der Himmel hatte dieses Rosa, und die Luft war nass vom nächtlichen Regen, weich und nass und roch nach Blumen […] Schreiben konnten wir auch nicht, die Kugelschreiberspitze ging glatt durchs Papier.“ Das ist Joan Didions Art zu Schreiben.
Didion ist eine der letzten lebenden großen amerikanischen Intellektuellen der wohl wichtigsten Entwicklungsphasen der USA, der 1960/70er Jahre. Die politischen Tumulte dieser Zeit spiegeln sich in ihren Werken wie in denen von Norman Mailer und Tom Wolfe. Liest man ihr „Where I Was From“ fühlt man sich in diese Zeit versetzt, spürt die kalifornische Sonne auf der eigenen Haut brennen. In „Salvador“ lässt sie den Leser an der eigenen Unsicherheit was Wahrheit und was Unwahrheit ist, teilhaben, indem sie Gerücht über Gerücht über Gerücht wiedergibt ohne zu urteilen und das Wahre vom Unwahren zu trennen.
Und dann ist da „The Year of Magical Thinking“ – ein Buch, das einen ohne Worte lässt. Kein anderes Buch hat mich je so berührt und in Tränen ausbrechen lassen wie dieses. Darin erfährt man, wie es ist, innerhalb eines Jahres Ehemann und Tochter zu verlieren. Der unglaubliche Schmerz der aus diesen Buchseiten hervor bricht, kann niemanden ungerührt lassen. Für mich kam dieses Buch als ich es Anfang 2010 las gerade zur rechten Zeit, hatte ich doch selbst mit einem Verlust umzugehen.
Mit „Blue Nights“ verfolgt Didion ihre Gedanken zu ihrem eigenen Familienleben und dem Tod ihrer Tochter Quintana fort. 
Von der respektierten Essayistin zu einer selbstreflektierenden und berührenden Autorin – Joan Didion ist eine großartige, aber im deutschsprachigen Raum immer noch unterschätzte Schriftstellerin.

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