Wie ein Adler, der über einem Feld schwebt, seine Beute
fest im Auge, hat Didion immer das Ziel ihrer Worte vor Augen. Sie ist immer
mitten drin, sowohl in ihren Essays als auch in ihren Romanen. Dort, wo sie es
zulässt erfährt der Leser etwas über die Frau Joan Didion, in aller Ehrlichkeit.
Doch schon ist der Moment vorbei und der Leser bleibt überrascht zurück.
„1969: I
had better tell you where I am, and why. I am sitting in a high-ceilinged room
in the Royal Hawaiian Hotel in Honolulu watching the long translucent
curtains billow in the trade wind and trying to put my life back together. My
husband is here, and our daughter, age three […] We are here on this island in
the middle of the Pacific in lieu of filing for divorce.”
Ihre Worte sind scharfkantig, ihre Sätze präzise, exakt
platziert. Sie kommt ohne Verzierungen in ihren Texten aus, doch „schlicht“ ist
das, was sie schreibt keinen Falls. Emotionen werden bei ihr nicht erklärt,
sondern gezeigt. Und dort, wo sie romantische Bilder erschafft, vergisst sie
nicht, den Leser wieder auf den Boden der Tatsachen zurückzubringen.
„Der Himmel hatte dieses Rosa, und die Luft war nass vom
nächtlichen Regen, weich und nass und roch nach Blumen […] Schreiben konnten
wir auch nicht, die Kugelschreiberspitze ging glatt durchs Papier.“ Das ist
Joan Didions Art zu Schreiben.
Didion ist eine der letzten lebenden großen
amerikanischen Intellektuellen der wohl wichtigsten Entwicklungsphasen der USA,
der 1960/70er Jahre. Die politischen Tumulte dieser Zeit spiegeln sich in ihren
Werken wie in denen von Norman Mailer und Tom Wolfe. Liest man ihr „Where I Was From“ fühlt man sich in diese
Zeit versetzt, spürt die kalifornische Sonne auf der eigenen Haut brennen. In
„Salvador“ lässt sie den Leser an der eigenen Unsicherheit was Wahrheit und was
Unwahrheit ist, teilhaben, indem sie Gerücht über Gerücht über Gerücht wiedergibt
ohne zu urteilen und das Wahre vom Unwahren zu trennen.
Und dann ist da „The Year of Magical Thinking“ – ein Buch,
das einen ohne Worte lässt. Kein anderes Buch hat mich je so berührt und in
Tränen ausbrechen lassen wie dieses. Darin erfährt man, wie es ist, innerhalb
eines Jahres Ehemann und Tochter zu verlieren. Der unglaubliche Schmerz der aus
diesen Buchseiten hervor bricht, kann niemanden ungerührt lassen. Für mich kam
dieses Buch als ich es Anfang 2010 las gerade zur rechten Zeit, hatte ich doch
selbst mit einem Verlust umzugehen.
Mit „Blue Nights“ verfolgt Didion ihre Gedanken zu ihrem eigenen Familienleben
und dem Tod ihrer Tochter Quintana fort.
Von der respektierten Essayistin zu
einer selbstreflektierenden und berührenden Autorin – Joan Didion ist eine
großartige, aber im deutschsprachigen Raum immer noch unterschätzte
Schriftstellerin.
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