Mittwoch, 7. Oktober 2009

Fringe History I - Charles Coughlin vs. FDR

Demokratische Präsidenten in den USA haben stets Angriffe des rechten Flügels der Republikanischen Partei abzuwehren. Doch die GOP-In-Exile waren nicht die Ersten, die demokratischen Präsidenten zusetzten – sie haben die Kritik auf eine persönliche Ebene herunter gebrochen. Damals, als die Republikaner noch ein wenig „Anstand“ besaßen, war es ein Priester, der Franklin D. Roosevelt schwer zusetzte.

Charles Coughlin wurde 1891 in Kanada geboren und kam 23 jährig als römisch-katholischer Priester nach Detroit. Kurz darauf begann er sich das neue Medium Radio zu eigen zu machen und brachte seine wöchentlichen Predigten im regulären Radioprogramm. Coughlins Beliebtheit stieg rapide und so konnte er 1931 seinen eigenen Radiosender mittels Spenden gründen.
Coughlin war als Prediger vor allem deshalb beliebt, weil er sich in seinen Radiosendungen mit den Problemen der Zeit, namentlich der Great Depression, die die USA fest in den Händen hielt, beschäftigte. Als Ausweg aus der Krise sah er die Kandidatur Franklin D. Roosevelts für das Amt des Präsidenten im Jahr 1932. So war Coughlin auch einer der ersten Unterstützer von Roosevelts New Deal. Aussprüche wie „Roosevelt or ruin“ und „The New Deal is Christ’s Deal“ wurden landesweit bekannt.
Doch als die Reformen des New Deal nicht die kurzfristig erhoffte Wirkung hatten, begann Coughlin sich von FDR abzuwenden. 1934 gründete er die National Union for Social Justice (NUSJ), eine nationalistische Arbeiterrechtsorganisation, die Arbeits- und Einkommensgarantien und die Verstaatlichung wichtiger Industriezweige u.Ä. forderte. Inzwischen erreichte Coughlin mit seinen Radiosendungen mehrere Millionen Zuhörer im Nordosten und Mittleren Westen der USA. Seinen meist katholischen Zuhörern begann er zu predigen, dass der New Deal unzureichend sei.
„It may boast that it has driven the money changers from the temple, but it permits industry to cling tenaciously to the cast-off philosophy of money changers.“
Coughlin steigerte sich von Woche zu Woche mit immer radikaleren Botschaften: FDR sei ein Werkzeug der Wall Street, seine Geldpolitik sei nicht verfassungsgemäß und pseudo-kapitalistisch.
Die Politik begann nun ihrerseits das demagogische Potential Coughlins zu erkennen und FDR sandte die einflussreichsten demokratischen Katholiken, Joseph P. Kennedy und Frank Murphy, um ihn zu beschwichtigen. Dieser Versuch schlug fehl und stattdessen wurden Coughlins Ansprachen noch radikaler und nationalistischer.
Coughlin begann sich mit FDRs Gegenspieler aus der eigenen Partei, Huey Long, zu solidarisieren, um mit Hilfe seiner Hörerschaft von inzwischen 30 Millionen Amerikanern eine Wiederwahl Roosevelts zu verhindern. Das Potential der Long-Coughlin Koalition wurde klar, als FDR dem Senat einen Vorschlag zum Beitritt der USA zum Internationalen Gerichtshof vorlegte. Roosevelt rechnete mit beträchtlicher Opposition zu diesem Vorschlag, da die Unterzeichnung der dazu nötigen Verträge seit 1920 von den Isolationisten blockiert wurde. Er war sich aber sicher, dass die demokratische Mehrheit im Senat die Ratifizierung garantieren würde. Daraufhin sprach Senator Long öffentlich seine Ablehnung dazu aus und zwei Tage bevor der Senat seine Entscheidung treffen sollte, lehnte Coughlin den Vertrag in seiner Predigt vehement ab. Er verband darin die Psalmen mit George Washington, dem Schreckgespenst des Kommunismus, einer Verschwörung internationaler Banken und der Furcht vor Krieg. Coughlin warnte:
„Instead of guaranteeing a just and living wage to every labourer who is willing to contribute honest work, America is ready to join hands with the Rothschilds and Lazere Freres, with the Warburgs and Morgans and Kuhn and Loebs to keep the world safe of the inevitable slaughter.”
Im Resultat dieser Predigt erhielten Senatoren im ganzen Land mehr als 50.000 Telegramme, in denen sie aufgefordert wurden, gegen Roosevelts Vorschlag zu stimmen. Die Abstimmung im Senat fiel mit 52 zu 36 Stimmen zwar für Roosevelt aus, doch die notwendige Zweidrittelmehrheit war um sieben Stimmen verfehlt worden.
Einige Tage später schrieb Roosevelt in einem Brief: „[T]hese are not normal times; people are jumpy and very ready to run after strange gods. This is so in every country as well as our own.”
Coughlins Wandel zum Faschisten war mit einer Predigt, in der er Teile aus einer Rede von Goebbels übernahm, endgültig vollzogen. Nach den Präsidentschaftswahlen 1936 sympathisierte er offen mit faschistischer Politik und dem Antisemitismus. Zwei Jahre später verteidigte er die Reichskristallnacht und damit begann sein Abstieg. Immer mehr Radiosender verlangten nun die Manuskripte seiner Predigten vorab zu sehen oder ließen ihn nicht mehr live auf Sendung.
Seine Reputation wurde noch mehr beschädigt, als das FBI die „Christian Front“, die politische Morde plante und die Coughlin unterstützt hatte, hochnahm.
Der katholische Priester war inzwischen zu einer solchen Bedrohung der Regierung Roosevelt geworden (heute würde man von nationaler Sicherheit sprechen), dass ein aktives Vorgehen gegen ihn von Nöten war. Zu Hilfe kam eine kreative Interpretation der Erste Verfassungszusatz, der die freie Rede garantiert. Dieser trifft in der Auslegung der Roosevelt-Administration nicht notwendigerweise auf den Rundfunk zu, denn dieser sei ein öffentliches Gut und eine limitierte Ressource. In Folge dessen wurden zum ersten Mal Lizenzen für Radiobetreiber notwendig; natürlich wurde Coughlin eine solche verweigert.
Daraufhin kaufte sich Coughlin Sendezeit bei anderen Sendern, doch mit Beginn des Zweiten Weltkrieges, schränkte die National Association of Broadcasters (NAB) den Verkauf von Sendezeit an „öffentlich kontroverse Personen“ stark ein. Zur Verbreitung seiner Thesen konnte Coughlin jetzt nur noch auf seine Zeitschrift Social Justice zurückgreifen. Hier griff der Erste Verfassungszusatz und er konnte ohne Zensur schreiben. Roosevelts Administration griff wieder ein in dem sie ihm das Recht absprach, seine Zeitschrift mittels des US Post Office Departments zu versenden. Damit war Coughlin fast vollständig seiner Leserschaft beraubt.
Nach dem Kriegseintritt der USA 1941 wurde Coughlin vom Erzbischof von Detroit aufgefordert, alle politischen Aktivitäten einzustellen. Er übernahm eine Gemeinde und starb schließlich 88jährig in Bloomfield Hills/Michigan 1979.

alle Zitate aus:

Edsforth, Ronald (2000): The New Deal. America’s Response to the Great Depression. Blackwell Publishers Inc., S. 209-210.

weitere Quellen:

Warren, Donald (1996): Radio Priest: Charles Coughlin the Father of Hate Radio. New York: The Free Press.
Schlesinger, Arthur M., Jr. (2003): The Age of Roosevelt: the Politics of Upheaval, 1935-1936. New York: Houghton Mifflin Company.

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