Sonntag, 7. Oktober 2012

Irrwege eines Koffers und deutsche Arbeitsmoral


Fortsetzung von Rote Teppiche, Scheren und Sonnenmilch 
Nach dem beinahe-Desaster am Flughafen konnte es so richtig losgehen. Nach 4 Stunden warten und dem wundervollen Gefühl, dass mein Trommelfell gleich platzt, kamen wir in Rom-Fiumicino an. Langsam gingen wir dann zum Gepäckband. Nach einer halben Stunde setzte dieses sich dann auch endlich mal in Bewegung. Ja, ja die Italiener und ihre Arbeitsmoral, dachten wir uns. Es sollte noch dicker kommen. Nach einer weiteren Stunde hatten dann auch meine vier Mitstreiterinnen ihren Koffer. Nur meiner wollte und wollte nicht auftauchen.
Nach einer weiteren halben Stunde des Wartens, als dann auch schon alle unsere Mitreisenden ihre Koffer hatten, bemühte ich mich - immer nach auf meinen Koffer hoffend - zum Gepäckverlust-Schalter (oder wie auch immer das heißt). Ich war nicht allein. Eine Menge von etwa 20 wütend schimpfenden Italienern und anderen Nationalitäten waren mit mir dort. Schnell begriff auch ich das Prinzip dieses Schalters. Da war nichts mit Anstellen in einer Schlange. Man drängelte vor. Ich tat es ihnen gleich (obwohl ich ja eigentlich gar nicht der Typ dafür bin). Neben mir stand ein wild gestikulierender Mann, der auf Italienisch auf einen Flughafenmitarbeiter einredete. Er tat das so wild, dass ich dachte, ich würde in den nächsten Minuten garantiert in eine Massenschlägerei verwickelt werden. Denn - da war ich mir sicher - die umstehenden Wartenden würden mitmachen. Endlich mein Anliegen einer netten Mitarbeiterin erklärt, wurde mir mitgeteilt, dass mein Koffer nicht im System auffindbar und auch gar nicht in Rom angekommen sei. Da war es vorbei mit meiner Hoffnung. Ich hatte mich schon darauf eingestellt, dass ich sämtliche kostbaren Schätze im Koffer nie wieder sehen würde. Und das am ersten Urlaubstag! Niedergeschlagen machte ich mich mit den Mädels auf zum nächsten Drugstore. Das war der Versuch wenigstens die nötigsten Badartikel zu horrenden Preisen zu erwerben. Aber nein, warum sollte ein Drugstore am Flughafen, denn auch Tampons verkaufen?? Dieser Laden hielt eindeutig nicht das, was sein Name vermuten ließ. Aber statt Tampons konnte man dort Pasta, Wein und Reisezahnbürsten erwerben. Als wir dann auch unser Abendbrot - die Pasta - gekauft hatten, versuchten wir ein genügend großes Taxi zu finden, was sich auch nicht als so einfach aufwies. Aber wir hatten Glück, da wir ja nun mit einem Koffer weniger unterwegs waren, hat uns eine nette Taxifahrerin in ihr 6-Sitze-Auto gequetscht. Um 9 Uhr Abends konnten wir dann auch endlich unser Domizil für die nächsten Tage etwas außerhalb von Rom beziehen. Wir hatten eine Ferienwohnung in einem kleinen Dorf namens Arrichia gemietet.
Szenenwechsel: Es ist der 4. Tag unserer Reise. Mein Koffer ist immer noch nicht wieder aufgetaucht. Aber dafür konnte ich in einem ordentlichen Laden endlich Tampons kaufen. Und nach längerer Suche hatte ich sogar Damenrasierer gefunden. Ich weiß ja nicht womit Frau sich in Arrichia die Haare entfernt oder ob Frau das überhaupt tut, aber es gab dort einfach keine Rasierer. Noch nicht einmal Männerrasierer hatten sie im Supermarkt.
Aber zurück zum Abend des 4. Tages. Der nette Roberto (er sah eindeutig nicht wie ein Roberto aus) - er vermietet zusammen mit seiner Frau die Ferienwohnungen -  hatte uns wie jeden Abend vom nahegelegenen Bahnhof in Cecchina abgeholt. Wir machten uns gerade vom Parkplatz der Ferienanlage auf zu unserer Eingangstür, da rief er: „Valigia! Valigia!“. Wir schauten uns alle fragend an. Er zeigte auf das kleine Rezeptionshäuschen. Ok, langsam tauchte meine Hoffnung wieder aus der Versenkung auf. Nicht nur die Hoffnung kam aus der Versenkung sondern auch meine rudimentären Französisch-Kenntnisse. Hieß Koffer im Französischen nicht „Valise“?? Ich hatte eine leise Ahnung… Und endlich. Ja da war er. Mein geliebter Koffer. Das war einer der besten Tage der Semesterferien.
Am Ende des Urlaubs musste ich mich natürlich wieder von meinem Koffer trennen. Wenn so ein Koffer schon verloren geht bei der vollen Durchorganisiertheit in Deutschland und so einem kleinen Flughafen Berlin-Tegel, wie sollte das denn erst am siebtgrößten Flughafen Europas werden?? Aber ich musste ihn ja abgeben.
Stunden später in Deutschland kamen wir vom Rollfeld in die Halle mit den Gepäckbändern. Mich beschlich Angst. 5 Minuten warten, das Gepäckband setzte sich in Gang. Weitere 5 Minuten später: Wir hatten alle unsere Koffer. Ich hatte ein fettes Grinsen auf dem Gesicht. Dies aber nicht nur weil ich meinen Koffer in der Hand hatte, sondern auch weil es in Deutschland alles so herrlich schnell funktioniert.

Eure Dr. des. Knochenflicker
PS.: Die 4 Tage ohne Koffer waren mal wieder Survival-Training. Ein großer Dank geht aber an meine Mädels, die mich mit allem versorgt haben, was ich so brauchte.

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